Alles wiederholt sich …

In den Jahren 1962-1965 war meine berufliche Tätigkeit im „Haus Lioba“ in Münster, einem Internat für Schülerinnen aus den polnisch verwalteten deutschen Ostgebieten, die zu uns kamen, um ihre Deutschkenntnisse zu vervollkommnen. Die zweijährige Teilnahme am Unterricht war Bedingung für den Abschluss am Gymnasium, Abitur und anderen weiterbildenden Schulen. Ihre Abschlüsse, die sie schon mitbrachten, wurden hier nicht anerkannt, wegen der fehlenden Deutsch-Kenntnisse, die teilweise gut waren, aber für die beispielsweise spätere Zulassung zum Studium nicht ausreichten. Sie waren mit ihren Familien hierher nach Westdeutschland gekommen, um dem zu entfliehen, was das Leben für sie in ihrer Heimat hatte unerträglich werden lassen. Angst und Schrecken und letztlich kam die Ausweisung aus ihrer Heimat. Der Verlust von Hab und Gut und ihrer Freiheit liess sie alles, was ihnen lieb und teuer war aufgeben, für ein Leben in Freiheit ohne Erniedrigungen und Diskriminierungen. Was sie erwartete, war die Suche nach einem neuen, besseren Leben. Das bedeutete viel persönlichen Einsatz, Geduld und Ausdauer, um dann endlich Fuss zu fassen und seine Lebenssituation so zu verbessern, dass das Leben wieder lebenswert war. Ihr Start hier begann im Aufnahmelager in Stukenbrock. Dort fanden sie Hilfe und Förderung und Unterstützung im Rahmen des Möglichen. Sie erlebten Menschen, die ihnen Hilfe und Verständnis entgegenbrachten. Es war nicht einfach für sie diesen Weg zu gehen. Er forderte Anpassung, Miteinander, Gemeinschaft mit ihnen noch wenig vertrauten Menschen in einem grossen, aber doch begrenzten Raum und Rahmen. Aber diese jungen Mädchen waren in einem Alter, wo man verstehen kann, wo Aufmerksamkeit, gegenseitiges Zuhören, Annehmen, Diskutieren wichtig sind, um Klarheit zu schaffen. Es waren  unterschiedliche Charaktere lebensfrohe, aufgeschlossene, wahrheitsliebende Mädchen, aber ebenso auch solche, die mit dem neuen, ihnen ja  in gewisser Hinsicht aufgezwungenen Leben nicht fertig wurden. Und trotzdem, nach anfänglichen Schwierigkeiten wuchsen wir zusammen, verstanden einander. Durch die vielen Gespräche und Diskussionen tat sich uns auf, was lange verborgen geblieben war und was uns Einblick in ihre Seele gab. Aufhorchen liess es uns immer ganz besonders, wenn Schülerinnen, die traurig, lustlos, demotiviert waren, plötzlich singend durchs Haus liefen. Dann wussten wir „das Eis war gebrochen“. Sie waren sehr willig, gute Abschlüsse zu machen, und ich bemühte mich, nach dem vorgeschriebenen Unterricht den Lehrstoff mit ihnen noch zu vertiefen und zu festigen.

Durch diese Alltagssituationen entwickelte sich zwischen uns ein freundschaftliches Verhältnis, das auf der wichtigsten Säule, dem gegenseitigen Vertrauen aufgebaut war. Es sollte noch über die Schulzeit andauern. Das politische Geschehen verfolgten unsere Schülerinnen mit Interesse. Auch hier mussten sie erleben, dass Freiheit nicht nur sorgloses, unbekümmertes Leben bedeutet. Die täglichen Nachrichten  waren ein freiwillige „Muss“. Zwei herausragende Ereignisse, an die ich mich besonders gut erinnere bewegten damals die Welt: der Bau der Berliner Mauer 1961 und die Ermordung John F. Kennedys 2 Jahre später 1963. Da ging ein Aufschrei durch die Welt. Wut und Empörung über den Bau der Mauer, Trauer und Entsetzen über den Tod Kennedys. Wer von den Schülerinnen es hier durch die Förderung der Schulen geschafft hatte sein Ziel zu erreichen, der erlebte bewusst, dass die Freiheit Lebensqualität von unschätzbarem Wert ist, hatten sie doch selbst erfahren wie der Mauerbau ihr Leben bestimmte. Diese Zeit war eine wichtige Erfahrung in meinem Leben, die mir Einblick in eine Welt gab, die mir fremd war. Ich war stolz, dass wir es geschafft hatten, gemeinsam mit den Schülerinnen den richtigen Weg ins neue Leben zu finden und sie ihn alleine weiter gehen zu lassen. Dazu beigetragen hat vor allem die Beschäftigung mit sich selbst, wo sich ungeahnte Talente entwickelten. Viel Kreatives entstand, und bei manch einer Schülerin erwuchs daraus der richtige Weg in die berufliche Zukunft. Wo viele Talente zusammenkommen entsteht Erstaunliches und regt an zu Neuem. Das geschah bei uns in der Gestaltung der Freizeit mit Theateraufführungen, Bühnengestaltung, Malen, Musik, die den in jedem vorhandenen gestalterischen Fähigkeiten freien Lauf liessen und viel Freude bereiteten. Der schwerste Weg war immer der des Abschiednehmens, denn vor den jungen Mädchen lag die Ungewissheit des ersten grossen Schrittes allein in die Zukunft.  „Selbstvertrauen ist das erste Geheimnis des Erfolges“

Ich weiss, dass unsere Schülerinnen, gestärkt in ihrem Selbstvertrauen, ins Leben gegangen sind.

 

 

 

 

Hinterlasse einen Kommentar